Zum Inhalt springen
Schwesterseite: Kosmoskop – Was ist da draußen? →
Sternenscout

Indirektes Sehen: knapp daneben schauen

Der wichtigste Trick für lichtschwache Objekte: nicht hinschauen, sondern knapp daneben.

Zuletzt aktualisiert: 15.10.2026 · Von Michael Plangger · So wählen wir aus

Silhouette am Teleskop unter dem Sternenhimmel
Bild: Annatsach, CC BY-SA 4.0, Quelle: Wikimedia Commons

Du hast die Galaxie genau eingestellt, schaust konzentriert hin – und siehst nichts. Dann wanderst du mit dem Blick kurz zur Seite, und plötzlich taucht ein zarter Nebelfleck auf. Das ist kein Zufall, sondern indirektes Sehen (englisch «averted vision»). Es ist die wichtigste Beobachtungstechnik für alles, was lichtschwach ist.

Mehr erfahren – tippe auf einen Abschnitt

Warum funktioniert indirektes Sehen?

Deine Netzhaut hat zwei Arten von Lichtsinneszellen:

  • Zapfen sitzen dicht gepackt in der Netzhautmitte, der Sehgrube (Fovea). Sie liefern scharfe, farbige Bilder – brauchen dafür aber viel Licht.
  • Stäbchen sind über den Rest der Netzhaut verteilt. Sie sind viel lichtempfindlicher, sehen aber keine Farben und weniger scharf. In der Sehgrube gibt es praktisch keine Stäbchen.
Verteilung von Zapfen und Stäbchen auf der Netzhaut
Zapfen (rot) und Stäbchen (grau) auf der Netzhaut: In der Mitte (Fovea) gibt es fast nur Zapfen, die Stäbchen sitzen rundherum. Die Lücke rechts ist der blinde Fleck. Grafik englisch beschriftet: Rods = Stäbchen, Cones = Zapfen.Bild: Jochen Burghardt, CC BY-SA 3.0, Quelle: Wikimedia Commons

Wenn du ein schwaches Objekt direkt anschaust, fällt sein Licht genau auf die Sehgrube – also auf die unempfindlichen Zapfen. Schaust du knapp daneben, landet das Licht auf den Stäbchen. Laut Sky at Night ist dieser Bereich rund vier Magnituden empfindlicher als die Netzhautmitte, das entspricht etwa dem 40-Fachen.

So geht es Schritt für Schritt

  1. Dunkel anpassen. Gib deinen Augen 40 Minuten oder mehr Zeit im Dunkeln und benutze nur Rotlicht. Weißes Licht oder ein heller Handybildschirm machen die Anpassung zunichte – mehr dazu unter Dunkelanpassung.
  2. Objekt in die Feldmitte stellen. Mit dem Übersichts-Okular und so ruhig wie möglich.
  3. Knapp daneben schauen. Richte den Blick etwa 8 bis 16 Grad neben das Objekt – ein guter Mittelwert sind rund 12 Grad. Im Okular heißt das: gegen den Feldrand, nicht ganz hinaus.
  4. Richtung Nase legen. Das Objekt soll im Gesichtsfeld auf der Nasenseite liegen. Auf der Gegenseite liegt der blinde Fleck, an dem der Sehnerv das Auge verlässt.
  5. Geduld haben. Schau ruhig und entspannt, atme normal. Oft taucht das Objekt erst nach einigen Sekunden auf und verschwindet wieder, wenn du direkt hinschaust.
  6. Ringsum probieren. Die Empfindlichkeit ist nicht überall gleich. Lass den Blick langsam um das Objekt kreisen und merk dir, wo es am besten sichtbar ist.

Eine Übung: der «Blinkende Planetarische Nebel»

Im Sternbild Schwan liegt der kleine planetarische Nebel NGC 6826, der «Blinkende Planetarische». Sky at Night empfiehlt ihn als Übungsobjekt: Stellst du ihn bei hoher Vergrößerung genau in die Mitte und schaust direkt hin, siehst du vor allem den Zentralstern. Schaust du knapp daneben, erscheint der Nebel rundherum. Wechselst du hin und her, scheint der Nebel zu «blinken».

Einfacher zum Üben, auch ohne Teleskop: Such im Kleinen Wagen einen der schwächsten Sterne, den du gerade noch erkennst. Schau ihn direkt an – oft verschwindet er. Schau leicht daneben, und er ist wieder da.

Was indirektes Sehen nicht kann

  • Keine Farben. Die Stäbchen sehen nur Hell und Dunkel. Darum wirken auch farbige Nebel im Teleskop grau.
  • Weniger Schärfe. Die Stäbchen sind zu größeren Gruppen zusammengeschaltet. Feine Details auf Planeten siehst du mit direktem Blick, nicht mit indirektem.
  • Kein Ersatz für einen dunklen Himmel. Unter Stadtlicht bringt der Trick weniger, weil der Himmelshintergrund mit aufgehellt wird.

Typische Fehler

  • Zu kurz probieren: Ein, zwei Sekunden reichen nicht. Bleib eine halbe Minute dran.
  • Zu weit weg schauen: Wenn das Objekt aus dem Okular fällt, war es zu weit. Am Feldrand bleiben.
  • Falsche Seite: Liegt das Objekt Richtung Schläfe, kann es auf dem blinden Fleck verschwinden.
  • Dunkelanpassung ruinieren: Ein kurzer Blick aufs helle Handy, und du beginnst von vorne.

Häufige Fragen

Funktioniert indirektes Sehen auch ohne Teleskop?
Ja. Probier es an schwachen Sternen im Kleinen Wagen oder an der Andromedagalaxie von bloßem Auge. Auch beim Fernglas hilft es.
Auf welche Seite soll ich schauen?
Leg das Objekt so, dass es im Gesichtsfeld Richtung Nase liegt. Mit dem rechten Auge schaust du also etwas nach rechts am Objekt vorbei, mit dem linken Auge etwas nach links. So fällt das Licht nicht auf den blinden Fleck.
Warum sehe ich Nebel nur grau und nicht farbig wie auf Fotos?
Im Dunkeln arbeiten vor allem die Stäbchen der Netzhaut. Sie sind sehr lichtempfindlich, liefern aber keine Farbinformation. Farben sehen die Zapfen, und die brauchen viel mehr Licht.

Quellen (2)

  1. BBC Sky at Night Magazine: Averted vision – how to get a better view of night-sky objects (abgerufen 14.10.2026)
  2. Wikipedia (englisch): Averted vision (abgerufen 14.10.2026)

Weiterlesen